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Barcelona für Deutsche



    SCHREIBWETTBEWERB: "Lichtschatten oder auch: im Schatten ist Licht."

    09.07.2009 - Charlotte Titze  

    Fortsetzung vom 1. Teil:

    Besser so, denkt sie, denn die beste Form sich einzuleben, ist sich unter die Leute zu mischen. Und wo geht das besser als in der U- und S-Bahn? Also kein großer Bahnhof wie in Madrid, wo sie meistens von ihren Brüdern und Eltern abgeholt wird. Allerdings auch kein Stress sich einen Weg durch die Menschenmassen zu bahnen. Bis auf die Lautsprecher-Durchsagen, ist der Lärm in Rhein-Main irgendwie in Watte gepackt.

    Man hört etwas, aber man ist sich nicht sicher, was es ist. Es ist ein leises Rauschen, fast wie am Meer. Als sie die S-Bahn in Richtung Innenstadt betritt, fällt ihr auf, dass Menschen die eben noch normal auf dem Bahnsteig miteinander sprachen, sich plötzlich nur noch im Flüsterton unterhalten. Überhaupt wird alles stiller um sie herum.

    Wo sind Passagiere, die dem ganzen Abteil per Telefon ihr Mittagsessen und die Pläne für den Abend mitteilen? Sie stellt fest, dass ihr Sitznachbar sie komisch hinguckt, braucht jedoch eine Weile bis sie merkt, dass es auf Grund ihrer lauten Kopfhörer ist. Peinlich beschämt packt sie ihren Ipod weg. Wo sind die Jugendlichen, die mit ihren Handys in voller Lautstärke versuchen, den Leuten ihre Musik vorzuspielen?

    Sie stellt fest, dass es ungewöhnlich, aber nicht unangenehm ist und macht in Gedanken schon Pläne, wen oder was sie sehen möchte. Dazu gehören selbstverständlich ihre Freundinnen Marie-Luise und Inci, die immer noch nach all den Jahren gute Freundinnen von ihr sind. Das Problem ist nur, dass sie nicht
    mehr so richtig in ihr Leben passen.

    Freilich riefen sie immer zum Geburtstag an, jedoch waren die Gespräche nach so langer Funkstille immer von peinlichen Pausen begleitet, da man nicht so recht wusste, was man sich erzählen sollte. Ganz im Gegenteil zu ihren spanischen
    Freunden, die zwar sehr gut in ihr Leben passen, von denen sie aber jetzt schon seit Ewigkeiten nichts mehr gehört hatte. Sie war es immer, die sie anrief oder ihnen schrieb und als sie damit mal aufhörte, bekam sie nur ein oder zwei
    Rückmeldungen und das war’s.

    Ihre Beziehungen zu den spanischen Jugendlichen ertrinken sehr oft in Belang-losigkeiten. Meint sie. Um so glücklicher ist sie, seit sie ein paar Mitschüler in ihrer Schule kennen gelernt hat, die ähnlich wie sie denken. Alles Mischlinge- wie sie sich auch manchmal selbst bezeichnet.

    Als die S-Bahn den Tunnel verlässt, ist sie mit einem Schlag im Stadtwald der nach dem Grau des Tunnels ihr fast eine Überdosis an Farben ins Gesicht wirft. Als die Station Sportfeld erscheint, denkt sie an die Fußball-Weltmeisterschaft und wie verschieden sie in Deutschland und in Spanien gefeiert wurde. Die Tür öffnet sich, ein paar Menschen steigen zu und der Geruch des Waldes drängt sich mit aller Gewalt in das Abteil.

    Anna hat das Gefühl, dass jede Pflanze ihren eigenen Geruch präsentiert - ganz anders als in Madrid, wo alles irgendwie nach Pinos riecht. Sie stellt aber auch immer wieder fest, dass man Pflanzen in Madrid genauer wahrnimmt. Frankfurt, mit seinem feucht-warmen Klima ist für sie ein Overkill an Vegetation. Alles Grüne verschwimmt
    in der Vielfalt.

    Dasselbe gilt für die Leute. So viele Nationalitäten gibt es nur in Frankfurt. Schon wieder stiegen Leute zu, aber die S-Bahn schien sich nicht zu füllen. Sie wusste aus eigener Erfahrung, welches Fassungsvermögen die Metro-Waggons hatten. Anna hatte beim Denken daran das Bild von gestern Morgen in der Metro im Kopf, wie sich Hunderte in die kleinen Abteile quetschten, so als wäre es die letzte Fahrt des Tages. Beim Betrachten des menschenleeren Abteils lächelte sie. Die Deutschen hassen den Körperkontakt mit Fremden. Sie nehmen lieber die nächste Bahn.

    Ihr fiel auch auf, dass viel mehr Deutsche die S-Bahn nutzten, als Spanier die Metro. In Madrid waren ihre Brüder und sie normalerweise, außer vielleicht drei spanischer Bauarbeiter, von zahlreichen Menschen anderer Nationalitäten umringt. Aber Manager wie in Frankfurt-Fehlanzeige.

    Kaum dachte sie an das fehlende Multi-Kulti Gefühl, stieg eine fünfköpfige türkische Familie ins Abteil. Deutschlands Ausländer waren für Anna zu einem Teil eutschlands geworden, denn die Ausländer, die es hier gab, gab es in Spanien kaum. In Madrid sah sie sehr selten Italiener, Türken oder Serben, außer vielleicht in Form von Touristen, in Frankfurt eher wenige Südamerikaner, Rumänen oder Asiaten.

    Anna verpasste fast ihre Haltestelle, so vertieft war sie in ihre Gedanken. Das Haus ihres Onkels war gleich um die Ecke. Auch der Rewe-Supermarkt, der Totto-Lotto, der Getränke-Markt, die Eisdiele, das Reisebüro und das Matratzen-Geschäft. Annas Vater guckte sie immer ganz verwundert an, wenn sie sagte, dass jene Läden für sie die Wahrzeichen Deutschlands wären. Sie wusste selbst nicht so ganz warum, aber wusste wiederum auch irgendwie, dass es gerade diese sein mussten.

    Es würden schöne 5 Tage in Frankfurt sein. Anna sich bereits einen Plan erstellt. Sie würde ein Konzert besuchen, etwas das in Spanien für Minderjährige vollkommen unmöglich ist. Shoppen gehen in den Secondhandläden der Innenstadt, die Frankfurter Parks besuchen, eventuell das Senkenberg-Museum und einfach ein bisschen durch die Strassen schlendern. Beim weiteren Planen würde ihr Onkel schon behilflich sein.

    Und schon war sie da. Das dreistöckige, grüne Haus stand jetzt vor ihr. Sie konnte es kaum erwarten einzutreten. Sie klingelte und die Tür summte. Kaum hatte sich die Tür einen Spalt geöffnet, vernahm sie schon den Geruch der Wohnung. Das ganze Treppenhaus war von dem Geruch erfüllt. Er war nichts Besonderes, außer eben
    der Geruch ihrer Vergangenheit.

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