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    SERIE: Unternehmerin in Katalonien - Helena Munín Piekarek

    16.06.2012 -  

    Interview mit Dr. Helena Munín Piekarek, Direktorin des „KINDER“, mehrsprachige Kinderkrippe und Kindergarten in Poblenou

    Worum geht es in KINDER?
    KINDER ist eine mehrsprachige Kinderkrippe und Kindergarten mit Gruppen in deutsch, englisch, spanisch und katalanisch. Er basiert auf Pädagogik wie sie in vielen deutschen öffentlichen Kindergärten praktiziert wird, sprich einer Mischung aus reformpädagogischen Ansätzen (z.B. entdeckendes Lernen, differenzierter Unterricht, usw.) und traditionellen angeleiteten Angeboten (z.B. gemeinsames Singen, Experimentieren mit Materialien...).
    Dazu gehört auch das Verständnis für die Natur und das gesunde Essen, das wir in KINDER praktizieren. Wir haben einen Garten, ökologisches Essen und ökologische Praktiken wie Öko-Windeln, Öko-Materialien etc.

    Das Kind steht bei uns im Mittelpunkt. Wir arbeiten alle als ein Team und wir sprechen über jedes Kind, über seine Situation, das Elternhaus, etc. Ich treffe mich jede Woche mit den Erzieherinnen in einer Art „Supervision“ und für Problemfälle haben wir auch eine Kinderpsychologin, die uns besucht und berät.

    Unsere Gruppen sind sehr klein und im Schnitt ist ein Erwachsener für drei Kinder da, im Falle von den Kleineren sind es sogar nur 1-2 Babys pro Erwachsener. Das bietet die Möglichkeit, auf jedes Kind individuell einzugehen. Innerhalb einer Sprachgruppe bilden wir kleinere Gruppen, um flexibel jeden Tag neu auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen.
    Die Adaptationsphase ist besonders wichtig für das Kind und auch für die Eltern. Es ist das erste Mal, dass das Kind von der Familie getrennt ist, sein erster Schritt „in die Welt hinaus“. Während der Eingewöhnungsphase wird das Kind von einem nahe stehenden Erwachsenen begleitet, der sich nach und nach immer mehr zurückzieht während das Kind seinen Platz in der Gruppe findet. Zusammen mit der Familie entscheiden wir, wann dieser Prozess abgeschlossen ist und das ist bei jedem Kind unterschiedlich.

    In KINDER arbeiten wir mit sehr viel Zeit, Zuwendung und Liebe. Jede Familie kommt mit einer bestimmten Situation und wir wollen individuell auf jeden Fall eingehen. Wir haben sehr viel Freude an unserer Arbeit mit den Kindern und den Familien und nehmen sie sehr ernst. Aus unseren Fehlern lernen wir und über die Jahre haben wir Leitfäden und Konzepte immer wieder verbessert. Es war harte Arbeit.

    Wie entstand die Idee zu KINDER?
    Als wir im Oktober 2001 nach Barcelona kamen, fand ich keine geeignete Tagesstätte für meine damals einjährige Tochter. Ich kam mit einem anderen pädagogischen Verständnis aus Deutschland. Es sollte pädagogisch persönlicher zugehen und ausserdem war es mir sehr wichtig, dass meine Tochter - inzwischen sind es zwei Töchter - die deutsche Sprache und Kultur erlernen. Anfang 2002 sprach ich andere Eltern an, die sich für eine deutschprachige und pädagogisch alternative Kindergruppe interessierten. Ich organisierte im September 2002 eine kleine von einer deutschprachigen Erzieherin geleitete Kindergruppe in den Räumen eines Nachbarschaftsvereins im Casc Antic. Zwei Jahre waren wir dort, dann zog es uns weiter nach Poblenou: erst in Carrer Fluvià und seit sechs Jahren sind wir nun schon als mehrsprachige Institution im Passatge Llatzeret.


    Wann und warum haben Sie sich in Katalonien/Spanien niedergelassen?
    Im Oktober 2001 sind wir von Berlin nach Barcelona gezogen. Wir waren zuvor 8 Jahre in Deutschland und haben uns dann vor allem wegen der Arbeit meines Mannes entschlossen, nach Barcelona zu kommen.


    Was war für Sie die größte Herausforderung zu Beginn?

    Was die interne Organisation betrifft, mussten wir geeignete professionelle Erzieherinnen finden, die aber auch mit Leib und Seele dabei sind. Das war nicht immer für alle Sprachgruppen einfach, aber jetzt sind wir ein tolles Team, das sehr gut funktioniert und die Arbeit sehr ernst nimmt. Niemand legt die Arbeit ab, wenn er nach Hause geht... – in Gedanken begleiten die Kinder die Erzieherinnen auch am Abend und am Wochenende. Alle sind mit viel Leidenschaft und Engagement dabei.

    Eine grosse Schwierigkeit war, geeignete Räumlichkeiten zu finden. Wir wollten erst in eine Schule, dort hat es nicht geklappt. Wir sind auch immer gewachsen, es kamen die anderen Sprachgruppen dazu: spanisch, katalanisch, englisch. Auch jetzt müssen wir wieder umziehen und sind wir gerade dabei neue Räume zu suchen, die besser passen zu unserem Konzept, zum Beispiel mit einem größeren Garten...

    Inzwischen bieten wir auch viele Nachmittagsaktivitäten ausserhalb des normalen Betriebs an, an denen die Familien des KINDER und auch Aussenstehende teilnehmen können. In „El Niu del KINDER“ („Das Nest des KINDER“) bieten wir Spiele und Basteln auf deutsch oder englisch, sowie punktuelle Aktivitäten wie Yoga, Tanz und Musik oder auch Beratung für die Eltern zu einem bestimmten Thema an. Die Integration und der Austausch der Familien untereinander ist für uns sehr wichtig und wir arbeiten ständig daran.


    Sprechen Sie Katalanisch/Spanisch?
    Ich bin halb Deutsche und halb Argentinierin; aufgewachsen bin ich in Argentinien. Dort und in Deutschland habe ich studiert. In Berlin habe ich meinen Doktor in Pädagogik gemacht.
    Spanisch ist meine erste Sprache, Deutsch meine zweite Sprache, ich verstehe Katalanisch, aber ich spreche es nicht.


    Wo entstehen die meisten geschäftlichen Kontakte?
    Die meisten Familien kommen zu uns durch Mundpropaganda oder durchs Internet. Wir haben aber auch Kontakte zu Institutionen, die uns kennen: zur Deutschen und zur Schweizer Schule, sowie zur Benjamin-Franklin-Schule und den Schulen in unserem Viertel.


    Wie wirkt sich die verordnete Zweisprachigkeit auf Ihre Tätigkeit aus?
    Wir haben nicht nur zwei, sondern vier Sprachgruppen, aber das bedeutet nicht nur vier unterschiedliche Sprachen, sondern vier unterschiedliche kulturelle Gruppen, vier unterschiedliche Traditionen, Gebräuche und Feste. (z.B. machen wir in der deutschen Gruppe einen Laternenzug zu St. Martin, der hier nicht bekannt ist). Jede Sprachgruppe arbeitet nach dem Immersions- und dem One-person-one-language-Konzept, so dass der Kontakt zur Sprache und Kultur auf intensive und direkte Weise über 25 Wochenstunden lang stattfindet und somit laut Experten die Verankerung als aktive Sprache für das Kind ermöglicht. Unter diesem Wochenpensum würde die Sprache zu einer „Nebensprache” im Leben des Kindes werden.
    Die Gruppen treffen sich aber gelegentlich, viele Feste werden gemeinsam und gruppenübergreifend gefeiert.

    Die ErzieherInnen sind fast ausschließlich Muttersprachlerinnen in jeder Gruppe, eine Minderheit ist bilingual.

    Was wir hier täglich praktizieren ist Interkulturalität. Das ist einer unserer Schwerpunkte wegen der multikulturellen Klientel, wegen der Erzieher und der Praktikanten. Die Kinder kommen oft aus gemischt-kulturellen Familien und alle, die hier arbeiten, haben ein interkulturelles Verständnis, das ist unser Alltag. Wir müssen ständig kommunizieren mit Leuten, die nicht unsere Sprache sprechen, die einen anderen kulturellen Background haben.
    Wir haben ErzieherInnen und PraktikantInnen aus Spanien, Deutschland, Schweiz, Österreich, USA, Lateinamerika, Dänemark, Finnland.... Es ist viel Arbeit, aber es ist eine Bereicherung für alle.

    Auch im Sommercamp, das offen ist für Kinder von aussen, praktizieren wir aktiv die Interkulturalität. Da es weniger Kinder sind als im Schuljahr findet ein intensiverer Austausch der verschiedenen Kulturen statt.


    Was raten Sie jemanden, der in Katalonien/Spanien eine Firma gründen will?
    Wenn man aus Deutschland kommt und hier eine Firma gründen will, sollte man sich zuvor akribisch mit der spezifischen Situation hier befassen, um zu wissen, was auf einen zukommt.

    Welcher Unterschied zu Deutschland fällt Ihnen hier am meisten auf?
    Die pädagogische Landschaft ist offener in Deutschland; Initiativen wie KINDER scheinen in mehr Anerkennung und Unterstützung zu bekommen.

    Was mögen Sie besonders an den Katalanen/Spaniern?
    Ich mag die kulturelle Vielfalt in Barcelona, den Strand direkt vor der Wohnung und die Natur in Katalonien.

    Können Sie ein Restaurant/ Bar empfehlen?

    Den Flair in Bar Velódromo (Carrer Muntaner 123)

    Was vermissen Sie am meisten aus Deutschland?
    Ich vermisse den Wald in der Stadt, die Seen, die Natur: in Berlin Bäume und Natur direkt in der Grosstadt, das fehlt mir in Barcelona. Aber dafür gibt es in Barcelona das ganze Jahr lang viel Licht!

    Das Interview wurde von Stephanie von Lukowicz durchgeführt.

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